Dienstag, 18.10.2005

Wunden lecken

Wie hat mein mein Kollege Jens Richter vom Triathlon-Magazin einmal geschrieben - es braucht Wochen, bis ein Ironman-Rennen sowohl physisch als auch psychisch verarbeitet ist. Gut, so lange werde ich dieses Weblog nicht mehr schreiben, aber in den nächsten Tagen werden mich noch die einen oder anderen Gedanken treiben. Das Rennen ist nach wie vor, schwer für mich zu greifen, einzuschätzen. Offensichtlicher sind da schon die körperlichen Dinge. Unter dem rechten Fußballen habe ich eine Blase so groß wie der Krater des Mauna Loa.



Glücklich im Ziel. Zum dritten Mal auf Hawaii

Solche Blasen sind so ziemlich das blödeste, was man haben kann. Wie können solche kleinen Dinger einem dermaßen das Leben versauen. Ich humpel durch die Gegend, als hätte ich eine riesen Verletzung oder einen wahnsinnigen Muskelkater - habe ich aber nicht. Es ist nur eine Blase. Verdammt, nicht gerade eine heldenhafte Verletzung.



Nach 1:12 Stunden aus dem Wasser

Außerdem konnte ich mit dem Ding gestern auf der Party im LuLus nicht tanzen. Na, ich hatte aber auch so Spaß. Im LuLus wird traditionell nach der Siegerehrung ein Bier eingenommen. Alle (na, fast alle) sind da. Auch die Herren Hellriegel, Vukowicz, Leder, Zäck u.s.w. Eine gute Gelegenheit noch mal in aller Gelöstheit über das Rennen zu sprechen. Im Vordergrund stand der Fakt, dass sich alle über den Sieg von Faris Al-Sultan gefreut haben. Ein sehr symphatischer Athlet, der eine grandiose Leistung abgeliefert hat. Kopfschütteln dagegen bei allen Athleten, über das Verhalten vom Vorjahressieger Normann Stadler, der nach zwei Platten sein Rad in die Lavafelder geschmissen hatte. So richtig scheint er den Dreh mit Symphatie und Medienwirksamkeit noch nicht raus zu haben.



Die Nase im Wind auf dem Highway No.19 (!)

Wie auch immer. Ich musste heute Morgen meine Radkiste packen. Eine Arbeit die wirklich nicht viel Spaß macht, deutet sie doch schon auf die nahende Abreise hin.



Auf dem Weg Richtung Natural Energy Lag liefs gut

Noch mal zu meinem Rennen. Gestern in dem Video bei der Siegerehrung sagte eine Athletin "Ironman is a test to the character" - der Ironman ist ein Test für den Charakter. Ich war mir ja, wie gesagt, lange nicht im Klaren darüber, ob ich mich nun freuen soll, es geschafft zu haben, oder ob ich enttäuscht sein soll, weil es nicht so gelaufen ist, wie ich es mir insgeheim erhofft hatte. Nun, mittlerweile bin ich froh, dass ich die vier Stunden lang dauernde Diskussion mit meinem inneren Schweinehund (der mich von der Strecke jagen wollte) gewonnen habe. Alles ist gut. Mit dem Ergebnis kann ich leben. Nicht zuletzt, weil mir viele Leser dazu gratuliert haben, und Familie Nicolaisen demnächst meine Getränke in den dritten Stock tragen will. Herrlich.



Ein Foto als Erinnerung - mit Medaille und Lei

Den Eltern von Männi S. möchte ich noch einen schönen Gruß zukommen lassen. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Junge das Zeug zum Eisenmann hat. Er muss nur ab und zu bei mir vorbei kommen und mit viel Spaß seine Runden drehen. Lockerheit ist der Schlüssel. Wer weiß, vielleicht reicht es ja sogar irgendwann für Hawaii. Ich könnte es mir vorstellen.



In der Wechselzone nach dem Schwimmen

Überhaupt möchte ich an dieser Stelle noch einmal ein wenig von der Inspiration loswerden, die man hier in Kona erfährt. Wir haben hier einen Mann im Alter von 80 Jahren über die Ziellinie laufen sehen. Außerdem Rollstuhlfahrer, und Athleten, welche die ganze Strecke mit nur einem Bein oder einem Arm absolviert haben. Im Ernst, jeder kann einen Ironman schaffen. Der Wille ist tatsächlich (fast) alles. Sollte dieses Weblog auch nur einen Leser dazu bringen, es selbst zu versuchen, würde ich mich riesig freuen. Freuen würde mich aber auch, wenn Leser nur mit dem Joggen, o.ä. beginnen würden. Es muss natürlich nicht immer ein Ironman sein.

Gestern waren über 1500 Leute auf dieser Webseite. Als ich dies eben gesehen habe, hat es mich fast umgehauen. Ich möchte betonen, ich werde hier nicht nach Clicks bezahlt, mitnichten. Aber es freut mich wie verrückt! Danke, Danke, Danke für das Interesse.

So, und bevor ich mich der psychischen Verarbeitung des Rennens weiterhin hier hingebe, gehe ich besser an den Strand. Übrigens zum ersten Mal in den letzten elf Tagen. Morgen habe ich neue Gedanken.

Herzlichst, mathias



Mit letzter Kraft ein Lächeln

P.S: Die eingeblendeten Fotos sind von den offiziellen Veranstaltungs-Fotografen geschossen worden. Ich habe sie abfotografiert. Ich hoffe, die Qualität ist so noch ausreichend.

P.S.II: Ich muss an dieser Stelle Hannes Blaschke von Hannes-Hawaii-Tours danken. Ohne seinen Internetzugang wäre dies hier nicht möglich gewesen. No way. DANKE.

Kommentare und Trackbacks

Suse R. kommentiert:

Herzlichen Glückwunsch!!!
Das war wirklich eine beeindruckende Leistung - alle Achtung!!! Wird Dir jetzt ohne allabendliches Training nicht was fehlen oder trainierst Du gleich weiter für den nächsten Ironman ;-)

Viele Grüße aus Köln auch an Lars. Wünsch' Euch noch nen paar schöne Tage in der Sonne,

Suse
Suse R. | 18.10.2005 - 11:54

männi kommentiert:

hey mattes mein freund,
vielen dank für dein zutrauen. du weisst ja wie entschlossen (und zukünftig auch mal locker ;-) ich auf die ultra-distanz hin traininiere. auch weiterhin sehr gerne mit dir gemeinsam, falls du jetzt nicht die lust nach der strapaze verloren haben solltest ;-) freue mich schon auf unser nächstes treffen (egal ob in hamburg, düsseldorf, wuppertal oder good-old-hückeswagen - schaun wa mal ;-) und an dieser stelle auch gaaanz liebe grüße an meine triathlon-begeisterten lieben eltern!
beste grüße, männi
ps: dein "konkurrent" auf dem highway no.19 lutscht dir aber ganz schön am hinterrad - erwischt ;-)
männi | 18.10.2005 - 11:58

Kerstin Peters kommentiert:

Hi Mathes,
herzlichen Glückwunsch auch von mir. Ich finde auch, dass es eine grandiose Leistung ist, es geschafft zu haben. Und dann noch im Fieberrausch 10 Stunden nur mit sich selbst zu kommunizieren und den Kampf mit dem Schweinehund gewonnen zu haben, super! Humpelnde Helden kommen dort bestimmt auch gut an!? Genieß noch die Tage dort.
Herzlichen Gruß Kerstin
Kerstin Peters | 18.10.2005 - 14:36

Ulrich Bongen kommentiert:

Hallo Mathias,
komme leider erst heute dazu, die letzten Tage nachzulesen. Gratuliere zum 3. Finish auf BigIsland. Hut ab vor Deiner Leistung! Ich weiss gar nicht, was es da zu kritisieren gibt. Genieß den Urlaub, gute Besserung Deinen Füßen und Hang Loose. gruß uli
Ulrich Bongen | 18.10.2005 - 17:55

Maik kommentiert:

Hallo Mathias -
erst einmal Respekt und Glückwünsche zu Deiner Leistung - ich bin trotzdem völlig fassungslos, das Du hier mit Deiner Zielzeit haderst... also, von so einer Zeit können viele Triathleten nur träumen! Und ich hätte sogar vollstes Verständnis dafür gehabt, wenn Du nicht an den Start gegangen wärest... und ich glaube die meisten anderen Leser auch! Noch was - Deine persönlichen Trainigsberichte und Erfahrungen sind wirklich klasse - speziell für Leute die bald ihren ersten IM finishen wollen, es kommt klar herüber das selbst klasse Athleten nur mit Wasser kochen und keine Übermenschen sind. Danke.
Maik
Maik | 18.10.2005 - 19:47

Enno kommentiert:

Moin Mattes!
Ohne in die allgemeine Lobhudelei einfallen zu wollen ist an diesem verspäteten Glückwunsch doch zu bemerken, wie sprachlos (bzw. "textlos") ich Deine Titanentaten und -zeiten erst einmal wirken lassen musste, bevor ich mich hier wieder an die Tastatur traue: Selbst nach dem grossen Geplansche und Deiner Fahrradtour läufst Du Deinen Marathon noch schneller als ich hier meinen (nun übrigens doch nicht zeitgleichen - dafür warst Du zu schnell!) Solidarität-mit-bangen-Eisenhelden-Alstermarathon-Lauf (3:41:19)! Kurz vor km 33 habe ich mich noch überschlagen... naja - wenn ich schon keine Fußballenblase hinkriege, so müssen eben die Fingerknöchel für 'ne Verletzung herhalten (die Sanis hätten sonst gar nichts zu tun gehabt!). Soviel zur Solidarität... ;-)
Daß Du Dir Deinen Wunsch, beim IM auf Hawaii noch die 3:40 zu knacken, so prompt erfüllen konntest, freut mich wirklich ungemein für Dich!
Nun aber Alohauaha,
ENNO
Enno | 19.10.2005 - 08:10

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